16 levers de soleil / 16 sunrises

In den vergangenen zwei Jahren drehte DoP Matthias Bolliger eine Langzeit-Dokumentation über den ESA-Astronauten Thomas Pesquet. Das Projekt wurde für fünf unterschiedliche Auswertungs-Formate produziert:

„Ein Film produziert für fünf unterschiedliche Formate?“, ich stutzte und fragte gleich noch einmal nach: „Damit ich das recht verstehe, wir drehen eine Fernseh-, eine Kino doku, eine Giant-Screen-Version für IMAX-Leinwände, eine Voll-Dome-Planetariumsversion und VR/360-Grad?“ Die Antwort auf der anderen Seite war kurz und knapp: „Ja!“. Meine entsprechend dann auch: „Okay, ich ergänze die Equipmentliste…“

 

 

SETUP FÜR FÜNF FORMATE

Aber wie sollte unser Setup auf der Erde dazu aussehen? Wie würden wir denn den fünf Formaten gerecht? Eine größere Recherche begann. Fazit dieser war ein Drei-Kamera-Setup. Drei Kameras für fünf Formate, an sich schlank. Für die TV- und Kinoversion entschieden wir uns durchgängig in 4K zu produzieren, um unwiederholbare Ereignisse auch bei den Großformat-Versionen einsetzen zu können.

Den beiden Großformaten, Giant Screen und Planetarium Full Dome, war eine sehr eigenwillige Bildkomposition zu eigen, denn die finale, haushohe Projektion würde bei Standard-Framings unweigerlich zu Hauptbildinhalt rund zehn Meter über Kopf führen, für welche sich die meisten Zuschauern wiederum mit Nackenstarre bedanken würden. Daher sollte die Horizontlinie der Bilder generell sehr tief gehalten werden.

KAMERA AUF STARTRAMPE
Die nächste Herausforderung kam von der russischen Weltraumagentur, Roscosmos. „Okay, ihr dürft auf eigenes Risiko eine unbemannte Kamera auf der Startrampe beim Raketen Lift-Off installieren, aber ihr müsst dies 20 Stunden vor dem Start tun und kommt ab diesem Zeitpunkt nicht mehr an die Kamera ran!“ Festnetzstrom ist aus Sicherheitsgründen auf dem Launch-Pad nicht vorhanden und jedwede Funkverbindung ist untersagt. In der Nacht vor dem Start kann es bis zu –40°C werden und wir sind rund vier Kilometer von unserer Kamera entfernt, eine Kabelverbindung scheidet ebenfalls aus. Zwei Stunden nach dem Abflug dürfen wir zurück zur Startrampe. Die Stromproblematik ließ sich zunächst als Schnellstes lösen. Zwei volle Autobatterien in Reihe geschaltet, versorgten die Kameras mit bis zu 30 Stunden Dauer-Strom.  Schließlich blieb noch die Start/Stopp-Problematik. Da es weder eine kamerainterne Lösung noch eine externe zu leihen gab, wandte ich mich an den Hamburger Kameratechniker Matthias Uhlig. Er war bereit, seine „In-Camera-Effects Steuerbox“ (ICE) auf diese Anforderung hin zu modifizieren und der Kamera über die CTRL-Buchse per Timer einen Startimpuls zu verpassen. Hauptsache, die Kamera wäre zu diesem Zeitpunkt an und mit Strom versorgt.

Doch wie belichtet man eigentlich einen Raketenstart? Referenzen sind schwer zu bekommen und einzuschätzen. Auf dem Flur des Pressehotels in Baikonur lernte ich den kasachischen REUTERS-Fotografen Shamil Zhumatov kennen, der seit Jahren den russisch-kasachischen Weltraumbahnhof porträtiert. In den Meta-Daten der JPG-Bildfolge eines von ihm fotografierten Starts, konnte ich die Autobelichtung seiner Vollformat-Kamera während des Raketenstarts nachvollziehen und hatte so einen Eindruck des vorhandenen Kontrastumfangs. Doch was mit unserer Kamera während dem Lift-Offgeschah, wurde erst mit der Sichtung der „Behind the Scenes“-Aufnahmen erkennbar:

 

GO IMMERSIVE
Dies bringt uns zur VR-Version von „16 levers de soleil“, die unter dem Namen „Dans la peau de Thomas Pesquet“. In Zusammenarbeit mit den französischen VR-Spezialisten von „DVMobile“ entstanden 360-Grad-Videos während des Trainings Pesquets. Eine Schlüsselsequenz für die 360-Grad-Videoversion war dann auch das erste Anprobieren des kompletten Raum-Outfits, inklusive des angepassten Kosmonauten-Helms. Mit etwas Überredungskunst gelang es, die russischen Swesda-Verantwortlichen zu überzeugen, dieses Ansetzen des Helms ein weiteres Mal mit einem 360-Grad-Rig im Mittelpunkt zu vollziehen. So kann der Zuschauer direkt in der Haut eines Astronauten erleben wie es ist, in die Welt der Raumfahrt einzutauchen und den Kosmonauten-Helm aufgesetzt zu bekommen…

Ein umfangreicher Erfahrungsbericht von DoP Matthias Bolliger zur Langzeit-Astronauten-Doku in fünf Auswertungsformaten ist in der Ausgabe 10/2017 der Fachzeitschrift „Film- & TV Kameramann“ erschienen.